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Ein Leben auf dem See

Wie der Silsersee die Familie Giani schon über drei Generationen in seinen Bann zieht

Der Knoten am Steg wird gelöst und der Zündschlüssel gedreht. Schon setzt sich das Schiff in Bewegung. Es geht einmal quer über den Silsersee. Mit einer Lage auf rund 1800 Meter über Meer ist dies die höchstgelegene Schiffsrundfahrt in Europa. Am Steuer Ortslegende Franco Giani.

Franco Giani ist der Kapitän auf dem Silsersee. Schon ein Leben lang. 53 Jahre, um die genaue Zahl zu nennen. Der gebürtige Italiener aus einer Fischerfamilie in Como führt die Schiffsfahrt im Oberengadin bereits in dritter Generation. Doch was brachte eine Fischerfamilie aus Italien auf den Silsersee? «Erzählst du die Geschichte oder soll ich?», fragt der Kapitän seine Frau Silvana Giani, während er konzentriert auf den See blickt. Sie könne die Geschichte besser erzählen, daher ergreift sie das Wort. «Es begann Ende des 19. Jahrhunderts mit Francos Nonno. Er kam hier nach Sils, um zu fischen, und entdeckte diesen wunderschönen See, umgeben von bereits gut funktionierendem Tourismus. Da war ihm sofort klar, dass hier noch eine Schifffahrtslinie fehlt. So begann er, seiner Zeit noch mit Ruderbooten, Touristen und Touristinnen um den See zu fahren. Seither gab es keinen Sommer in Sils ohne die Familie Giani», entführt uns die Gattin des Kapitäns in vergangene Zeiten. Heute wird natürlich nicht mehr gerudert. Genauer, seit 1907 nicht mehr, denn da konnte die Familie das erste Motorboot erwerben. Bis in die Achtzigerjahre stand Franco Gianis Vater am Steuer. Von da an übernahm der Sohn. Damals war er 25 Jahre alt. Heute blickt der 76-Jährige also auf 53 Jahre Schiffsfahrt auf dem Silsersee zurück.

Das Schiff schwankt auf den Wellen des Sees. Franco Giani ist kein Mann der vielen Worte, jedoch der Leidenschaft. Ein Leben ohne den See kann er sich nicht vorstellen. «Seit ich lebe, ist der See ein Teil von mir. Ich kenne es nicht anders. Von Anfang an verbrachte ich sehr viel Zeit mit meinem Vater auf dem See», gibt der Kapitän preis, den Blick stets auf den See gerichtet. Sein Vater übergab ihm nicht nur die Leidenschaft der Seefahrt, sondern lehrte ihn auch das Steuern des Schiffs. Franco Giani ist jedoch der Meinung, dass er es sich grössten Teils selbst beigebracht hat. «Es kommt der Tag, da musst du es einfach können und dann klappt es auch», meint der Kapitän mit einem Grinsen auf den Lippen.

Wenn der Sommer vorbei ist und es gegen den Oktober geht, bricht Familie Giani wieder auf. In Richtung Como. Dort verbringen sie den Winter. Mit dem Comersee liesse sich der Silsersee aber keineswegs vergleichen. Nicht nur die Grösse, auch die Natur, der Tourismus und die Menschen seien ganz anders. «Der Tourismus hier in Sils ist viel ruhiger, sauberer und angenehmer. In Como hingegen ist alles sehr chaotisch. Ein richtiger Massentourismus», beschreibt Franco Gianis Frau den Unterschied. «Ich glaube nicht, dass Franco dieser Beruf auf dem Comersee gefallen würde», fügt sie schmunzelnd an. Der Beweis dafür dürfte das jährliche Wiederkehren sein. Franco Giani musste teilweise einen hohen Preis bezahlen, um den Sommer in Sils verbringen zu können. Selbst nach der Heirat oder der Geburt der gemeinsamen Tochter brach er auf, um seine Rundfahrten auf dem Silsersee zu machen. Doch seine Familie unterstützte ihn jederzeit und folgte ihm, so oft es ging. Auch heute noch. Mittlerweile verbringt seine Frau die ganze Saison mit ihm in Sils und seine Tochter kommt oft zu Besuch. Doch was ist das Besondere an diesem Ort? «Jeder Tag ist anders. Die Leute, die Farbe des Sees, die Natur, das Wetter. Das macht jeden Tag zum Schönsten», überhäuft der Kapitän mit Worten und lächelt dabei. Seine Augen funkeln. «Ich denke, das hier ist sein Leben», verstärk Silvana Giani die Worte ihres Mannes.

Den Kontakt mit den Menschen schätzt die ganze Familie besonders stark. Es gäbe Kunden und Kundinnen, die sie als Kind schon kannten, welche heute mit ihren eigenen Kindern zur Schiffsfahrt kämen. Zudem seien alle immer überaus freundlich und dankbar. Durch die Grösse des Schiffs, welches circa 30 Passagieren den Zutritt erlaubt, ist der Kundenkontakt sehr eng und persönlich. «Wer einmal hier war und es schön fand, kommt bestimmt wieder», weiss Franco Gianis Frau. «Erzähl das von den Bäumen», fordert er sie auf, fortzufahren. So erzählt sie eine Anekdote, vielleicht eine der schönsten. Eine ältere Dame sei zum Steg gekommen und habe gestrahlt, als sie den Kapitän entdeckte. Da habe sie gesagt: «Herr Giani, es ist so schön, sie zu sehen. Wissen Sie, hierher zu kommen und Sie nicht zu sehen, wäre wie wenn es hier keine Bäume mehr gäbe.»

Auch die Familie könnte es sich nicht vorstellen, wie es wäre, nicht mehr nach Sils zu kommen. Wie es scheint, ist auch die vierte Generation der Schiffsfahrtgesellschaft Giani auf dem Silsersee gesichert. Zwar konnte sich Tochter Francesca Giani, die der philosophischen Umgebung Sils verfallen ist und nun Philosophie unterrichtet, nicht vollends für die Schiffsfahrt begeistern, doch wird wohl ihr Partner in naher Zukunft das Steuer übernehmen. Davon will Papà Franco aber noch nicht viel wissen. Seine Frau könne sich auch gar nicht ausmalen, wie sie ihm sagen sollte, dass er nicht mehr auf Touren gehen dürfe. «Es geht uns gut hier, es ist für mich wie Urlaub. Wir haben hier ein Zuhause», spricht der Kapitän aus dem Herzen, während er das Schiff gekonnt in die Anlegestelle manövriert.

www.sils.ch/de-ch/geschichten/silser-geschichten/schifffahrt-silsersee.html

Aktivitäten-Tipp

  • Schiffsfahrt auf der höchstgelegensten Kursschifflinie Europas.
  • Ein Besuch in der Ferienresidenz des berühmten Philosophen Friedrich Nietzsche. Heute ist das «Nietzsche-Haus» Museum, Bibliothek und Gedenkstätte.
  • Der Silser Märchenweg durch den Wald. Die «Senda da Gianna». Ein Abenteuer durch die Geschichte einer kleinen Ziegenhirtin für Kinder ab fünf Jahren.
  • Ein Sprung in den kühlen See von der Halbinsel Chastè aus. Hier kann man entspannende Spaziergänge machen, grillieren oder einfach nur sein.

Weitere Tipps zu Aktivitäten in Sils unter www.sils.ch.