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Ein gesundes Verhältnis

Wie Naera Giaimo sich aus der Magersucht zurück ins Leben kämpfte

Die junge Frau mit der gebräunten Haut und den dunklen Haaren, die im richtigen Licht fast ein bisschen violett schimmern, blättert durch das dicke Buch, das vor ihr auf dem Tisch liegt. Der Einband ist bunt, die Seiten darin abwechselnd schwarz und farbenfroh. Symbolisch für die hellen und dunklen Seiten im Leben von Naera Giaimo. Die Sarganserin lächelt heute viel und gerne. Ihr Lachen ist zurückhaltend, aber ehrlich. Noch vor kurzer Zeit lachte Naera Giaimo zwar gewollt fröhlich in die Kamera, auffallend auf diesen Fotos sind aber nicht ihr Lächeln, sondern die fahle Hautfarbe und die Knochen, die sich überall abzeichneten. Die 26-Jährige erkrankte mit 16 an Anorexia nervosa. Magersucht, wie man die Krankheit im Volksmund nennt. Auch heute klopfe sie immer wieder an. Die Magersucht. Aber die junge Frau habe gelernt, mit ihr umzugehen, erzählt sie im Gespräch.

Es ist ein schöner Dienstagnachmittag im Mai. Die Sonne scheint, es ist fast so warm wie im Sommer. Naera Giaimo öffnet die Wohnungstür und bittet hinein. An den Wänden hängen viele Bilder. Fotos, die sie mit Freunden und Familie zeigen. Selbstgemalte Bilder. Poster. «Ich habe mich früher nie um Schönheitsideale gekümmert», erinnert sie sich. «Ich hatte durch den Leistungssport eher einen sportlichen Körper und war zufrieden damit. Als ich erkrankte, ging es zwar erst um meine Figur, schnell aber um sehr viel mehr.»

Achtung: Triggerwarnung

Naera Giaimo spielt an ihrem Armband mit den weissen Muscheln. Ein Andenken an Sizilien, wo ihre Familie herkommt? Vielleicht. «Für mich war es schwierig, Frau zu werden. Ich hatte viel Angst vor diesem Entwicklungsschritt», gibt sie zu. Das Erwachsenwerden habe sie verängstigt. Dazu kam, dass sie immer schon Mühe gehabt habe, mit ihren Gefühlen umzugehen. «Ich habe dann gemerkt, dass sich meine Entwicklung verzögert, wenn ich nichts mehr esse. Je weniger Gewicht ich hatte, desto weniger habe ich meine Gefühle wahrgenommen. Mein Körper war irgendwann schlicht zu erschöpft, um zu fühlen.» Melancholie beschleicht die dunklen Augen und setzt sich im Blick der 26-Jährigen fest. «Durch mein Magersein konnte ich die anderen Menschen auf Distanz halten und mich selbst auch von ihnen entfernen. Es ging viel um Kontrolle.»

Sie blättert durch das dicke Buch. Jede einzelne Seite gleicht einem Kunstwerk. Die Blätter erzählen Naera Giaimos Leben. Jedes Hoch und jedes Tief. Erlebnisse, Momente und Gedanken, die zwischen dem Einband Platz gefunden haben. Sie zeigt auf eine schwarze Seite. «Triggerwarnung», steht in Rot darauf geschrieben. Naera Giaimo klappt das schwarze Papier zur Seite. Dahinter Bilder, auf denen die junge Frau nur noch Haut und Knochen ist. «Das war keine schöne Zeit, auch wenn ich hier lache», sagt sie nachdenklich. Sie sei heute sehr stolz auf sich. Andere hätten sich in der Schule oder im Studium mit Lernen durchgekämpft. «Ich habe einen ganz anderen Kampf ausgefochten.»

Bis sie die Magersucht im Kampf besiegt, vergehen aber viele Jahre. Lange habe sie nicht eingesehen, dass sie krank sei und Hilfe brauche. Wenn sie auf ihren Gewichtsverlust angesprochen wurde, habe sie das zu Beginn gar noch ermuntert, weiter zu machen. «Ich dachte, dass man ja sonst gar nicht sieht, dass es mir schlecht geht.» Sie habe zwar bemerkt, dass sie sehr mager geworden sei, konnte das aber im Kopf nicht zusammenbringen. Es kam, wie es kommen musste, und Naera Giaimo landete im Spital. Musste künstlich ernährt werden. «Da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass es gefährlich ist, was ich mir antue», sagt sie deutlich. Im weiteren Krankheitsverlauf erlebte Naera Giaimo immer wieder Aufs und Abs. «Durch meinen Aufenthalt in der spezialisierten Klinik haben sich die Knöpfe gelöst», erinnert sie sich. Dort sei es ums Essen und den Körper gegangen, mit ihrem späteren Therapeut habe sie dann über ihre Gefühle gesprochen. «Das war wichtig und für mich der richtige Weg. Das Magersein ist am Schluss nur ein Symptom der Anorexie. Man kann schon Symptombekämpfung machen, muss aber vor allem dem Auslöser auf den Grund gehen», erklärt sie. Wenn man sie heute sprechen hört, so offen und ehrlich, kann man sich kaum vorstellen, dass ihre eigenen Gefühle ihr einst so viel Angst machten. Wir schauen uns in der Wohnung um. Bastel- und Zeichnungsmaterialien nehmen viel Platz ein. Die Kunst ist für Naera Giaimo ein Ventil für die Gefühle, die auch heute nicht immer einfach für die 26-Jährige sind. Wenn sie die Empfindungen zu Papier bringe, sie zeichne oder aufschreibe, fühle sie sich danach erleichtert.

Die Magersucht ist nach wie vor ein Thema in Naera Giaimos Leben. «Ich habe nicht die Erwartung, dass sie irgendwann ganz weggeht. Mir ist nur wichtig, dass ich mit der Stimme aushandeln kann, dass es nicht wieder gefährlich wird.» Schnell fährt sie fort, getrieben vom Bedürfnis, aufzuklären. «Heute kann ich arbeiten, reisen, etwas erleben. Wenn es mir schlecht geht, denke ich immer an all die schönen Dinge, die ich ohne die Magersucht erleben darf. Man lebt nur einmal und es kann alles so schnell vorbei sein», sagt sie. Wieder spiegelt sich Traurigkeit in ihren Augen. Einmal sei sie fast an einer Komplikation durch die Bauchdeckensonde gestorben. «Das ist mir eingefahren. Mit 20 sollte man die Welt entdecken und nicht halb verhungert auf der Intensivstation liegen.»

Achtung: Triggerwarnung

Naera Giaimo streicht sich gedankenverloren über den Arm. «Am Schluss ist unser Körper ja nur unsere Hülle und macht nicht aus, wer wir sind.» Über psychische Erkrankungen im Allgemeinen und Magersucht im Speziellen würde noch immer viel zu wenig gesprochen werden. Es fehle wichtige Aufklärungsarbeit und Prävention, insbesondere in Schulen. «Es ist wichtig, dass junge Menschen sich bewusst sind, was ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper bedeutet. Und dass das, was in den sozialen Medien gezeigt wird, alles andere als die Realität ist.» Sie selbst sei sehr stark von Letzteren beeinflusst worden. Zwar würde Instagram sensible Inhalte heute nicht sofort zeigen, dennoch existieren viele Foren, wo sich Menschen gegenseitig zu gefährlichen Challenges wie «Thigh Gap» oder «Bikini Bridge» animieren. Oft werde Magersucht fälschlicherweise als Lifestyle oder Trend betitelt. «Es ist keine Phase, sondern eine gefährliche Erkrankung», stellt die Sarganserin klar.

Heute habe sie ein gutes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper, sagt Naera Giaimo. Sie höre auf ihn. Esse, wenn er Hunger habe. Trinke, wenn er Durst habe. «An schlechten Tagen akzeptiere ich meinen Körper, an guten Tagen finde ich ihn gut, wie er ist. Und ich habe gelernt, dass ich nicht nur mein Körper bin», sagt sie abschliessend. Es sei ihr ein Anliegen, mit ihrer Geschichte Mut zu machen, den Schritt in ein gesundes Leben zu wagen. «Am Schluss ist das einfach viel schöner.»

Beste Freundin

Liebe Magersucht
Du begleitest mich nun schon mehr als sechs Jahre. Du hast mit Sicherheit und Kontrolle gegeben. Für mich warst du eine «Freundin», die immer für mich da war. Durch dich habe ich das Gefühl bekommen, dass ich mich und mein Leben total im Griff habe. Vor allem am Anfang unserer «Freundschaft» hast du mich stärker gemacht. Ich habe mich stark gefühlt. Und ich habe mich nicht mehr einsam gefühlt. Du warst immer da für mich. Durch dich habe ich in verschiedenen Kliniken tolle Freunde kennengelernt. Was mir auch sehr geholfen hat, war, dass ich dir voll vertrauen konnte. Weil du mir das Gefühl von Stärke und Kontrolle gegeben hast. Das fast Schönste war aber, dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt keine Gefühle mehr hatte. Ich war dann nur noch Hülle.
In den letzten Jahren hast du meinem Leben irgendwie einen Sinn gegeben, ich hatte eine Aufgabe. Du hast meinen Tag strukturiert. Das hat gutgetan. Du hast mich nie alleine gelassen. Nicht während der Schule und auch nicht zu Hause. Vielen Dank!
Naera*

*Naera Giaimo in einem Brief an die Freundin, die in der Magersucht steckt.

Schlimmste Feindin

Hallo Magersucht
Du hast meine letzten Jahre komplett zerstört. Du hast meinen Körper fast verhungern lassen. Wegen dir musste ich dreimal mit Sonde ernährt werden. Es waren höllische Schmerzen, die ich während dieser Zeit aushalten musste. Einmal wäre ich wegen dir fast draufgegangen. Wegen dir hätte ich fast meinen besten Freund verloren. Viele Freundschaften hast du zerstört. Du hast meine Familie überfordert. Ich hasse dich so sehr!
Keine Freude, keinen Lebenswillen, keine Kraft und vieles mehr! Du hast mir so viel genommen. Wegen dir konnte ich die Flugbegleiter-Ausbildung nicht beenden. Ich habe so viele Partys verpasst. Du hast mich depressiv gemacht. Mein Selbstwert ist noch tiefer gesunken, als er sonst schon war. Du hast mir so viele Chancen genommen. Und hast mich nur kritisiert. Für dich war ich nie dünn genug. Nie krank. Nie genug diszipliniert. Du wolltest mich umbringen. Und ich habe noch mitgemacht. Weil ich dachte, dass ich es verdiene. Doch tue ich das wirklich? Who knows …
Neara*

*Naera Giaimo in einem Brief an die Feindin, die in der Magersucht steckt.