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Das Haus, das erzählt

Das Haus am Platz in Jenaz wird seit Mai als Ferienhaus vermietet – ein räumlicher und geschichtlicher Einblick

Bilder Ferien im Baudenkmal/Gataric Fotografie

Die rote Katze zwängt sich durch die schmale Öffnung des Lattenzauns und hüpft leichtfüssig auf den Asphalt. Sie schaut einmal nach rechts, dreht sich dann nach links, trippelt über den Jenazer Dorfplatz, neben dem grossen Brunnen vorbei und verschwindet hinter dem nächsten Haus. Ein idyllisches Bild. Eines wie aus dem Bilderbuch. Fast schon kitschig.

Es ist nicht nur die Katze, die das Bild der dörflichen Idylle unterstreicht. Es sind auch die alten Walserhäuser mit ihren sonnenverbrannten Holzfassaden, es ist der herbstlich geschmückte Dorfbrunnen mitten auf dem «Platz», wie der Dorfplatz in Jenaz heisst. «Hier entdecken die Städter das Idyll», meint der Jenazer Samy Bill. Er sitzt an einem Holztisch mit roter Tischplatte in einem der alten Walserhäuser, die sich um den Platz formieren.

Das Haus Nummer 9 wird als Ferienhaus von der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» vermietet. Seit Mai dieses Jahres gehört es zum Inventar der Stiftung. «Bis ins 2023 sind wir gut gebucht», sagt Samy Bill schon bei der Eingangstüre. Betritt man das Haus, wir sofort klar, warum. Hier wird das Alte in Ehren bewahrt, ohne den modernen Wohnkomfort zu verteufeln. Das Walserhaus wurde von den Architekten Johannes Florin und Tabea Voigt aus Maienfeld gekauft und mit viel Liebe zum Bestehende renoviert. Entstanden ist ein Haus, in dem es sich wunderbar nach neustem Standard leben lässt. Aber auch ein Haus, das von vergangenen Zeiten erzählt.

Da ist die Küche mit dem alten Holzherd in der Ecke, die schweren Eisenpfannen an der Wand. Da ist aber auch der Kühlschrank, versteckt hinter Holztäfer. Da ist die alte Stube mit Ofen, da ist aber auch die Erdsondenheizung. «Es ist alles top modern und doch dem alten Prinzip folgend», erklärt Samy Bill, der das Ferienhaus verwaltet. So wurde dann auch die Raumeinteilung kaum verändert. Noch immer sind die typischen Strukturen eines Walser Strickbaus zu erkennen. Eine fünf auf fünf Meter grosse Stube, daneben die zwei auf fünf Meter grosse Nebenstube. Im ersten Stock wiederholt sich die Einteilung. Das Spezielle seien in diesem Haus die grossen Zwischenräume, erklärt Samy Bill. Die grosszügigen Gänge. Sie erzählen die Geschichte dieses Hauses, verraten mehr über die einstigen Besitzer.

Gebaut wurde das Haus am Platz um 1732 von der Familie Zingg, nachdem der dicht bebaute Dorfteil 1726 einem Brand zum Opfer fiel. Drei Brüder sind es, die am Platz drei Häuser errichten. Einer davon Christian Zingg, der als Feldscher (Feldarzt) aus französischen Diensten heimkehrt und fortan als Dorfarzt praktiziert. Kaufkräftig muss er gewesen sein, davon zeugt das grosszügig gebaute Haus. Christian Zingg treibt den Aufbau eines Jenazer Bades voran, um dem damaligen Gesundheits- und Wellnesstrend gerecht zu werden. Ein Kurhaus mit 130 Betten, gebadet wird in der dorfeigenen Quelle. Dem Pfarrer, ein Konservativer, sei diese Weltoffenheit ein Dorn im Auge gewesen, erzählt Samy Bill. «Dem wars nicht recht, dass dort die jungen Mädchen aus dem Dorf arbeiteten und sich deshalb wohl hie und da ein Ehemann ins Kurhaus verirrte. Deshalb hat der Pfarrer die Ehefrauen angestiftet, das Bad anzuzünden– so meine Interpretation», sagt der Historiker Bill. 

Die Geschichte des Hauses ist unweigerlich mit der des Dorfes verbunden – in gewisser Hinsicht gar mit jener der ganzen Welt. Denn 1802 erblickt im Haus am Platz der nächste Christian Zingg das Licht der Welt. Später wird er mit seinem «Zingg`s Hotel und Caffeehaus» in Hamburg zum erfolgreichen Hotelier. Ein weiterer Nachkomme, Gustavo Zingg, suchte sein Glück in Venezuela. Noch heute leben seine Nachkommen in Südamerika. 

Das Haus am Platz erzählt Geschichten – und schreibt neue. Solche von Menschen, die ihre Heimat einst verliessen, um später mit neuen Eindrücken heimzukehren. Und solche von Menschen, die heute von weit her reisen, um das Haus zu bewohnen und zu beleben. Oder einfach solche von roten Katzen, die über den Dorfplatz trippeln und hinter dem Haus verschwinden.

Haus am Platz

Das Haus am Platz in Jenaz ist ein traditioneller Strickbau, der dank sanfter Renovierung den heutigen Wohnansprüchen gerecht wird. Im Walserhaus können bis zu sechs Personen übernachten. Das Haus beinhaltet neben einer Küche auch eine Stube, eine Nebenstube, drei Schlafzimmer und zwei Badezimmer. Zudem gehören eine Loggia und der angebaute Stall zum Haus, der als gedeckter Aussenraum genutzt wird.

Ferien im Baudenkmal

Die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» wurde 2005 gegründet und sieht sich als Schnittstelle zwischen Tourismus und Denkmalpflege. Sie engagiert sich schweizweit für den Erhalt von historischen und ortstypischen Bauten. Derzeit befinden sich neun Ferienhäuser in Besitz der Stiftung, insgesamt werden 48 Ferienhäuser vermietet. 

www.ferienimbaudenkmal.ch