Tori Amos: «In Times of Dragons»
Ein schwerer Rhythmus und kraftvolle Pianoakkorde eröffnen den Song «Shush», was so viel bedeutet wie «Psst». Dabei hat Tori Amos gar nicht im Sinn, den Finger auf ihre Lippen zu legen und alles kommentarlos zu akzeptieren, was auf dieser Welt geschieht – ganz im Gegenteil. Immer noch im ersten Song singt sie von der weisssagenden Cassandra, die gemäss griechischer Mythologie nicht erhört wurde. Weiter singt sie von jemandem, der genüsslich an seiner kubanischen Zigarre, einer «Cohiba Behike», pafft. Wen sie wohl damit meint? Im gleichnamigen Titelsong «In Times of Dragons» fragt sie sich, ob wir überleben werden, und in «Ode to Minnesota» spielt sie auf ICE an, die umstrittene Behörde in den USA. Zudem besingt sie Situationen aus ihrem Leben – zum Beispiel über Schatten in ihrer Familie («Veins») oder über keltische Götter, die sie vor Schaden bewahrt haben («Strawberry Moon»). In «Flood» hält sie der Welt den Spiegel vor und in «Pyrite» ist sie auf der Suche nach jemandem, den sie mit Hilfe eines süssen Jesus finden will. Platz finden auf ihrem Doppelalbum auch Songs über Persönlichkeiten, welche mit ihrem Wirken Spuren hinterlassen haben, so über die spanische Ordensfrau Teresa von Ávila («St. Teresa») oder über Fanny Faudrey. Diese soll die Urgrossmutter von Amos sein und sich schon im 19. Jahrhundert für Frauen starkgemacht haben («Fanny Faudrey»). Mit ihren kryptischen Texten will die 62-jährige Musikerin aufrütteln und vor Tyrannei, Unterdrückung und Demokratiefeindlichkeit warnen. Auch ruft sie auf, aus der Vergangenheit zu lernen. «In Times of Dragons» beschäftigt sie sich mit den bedenklichen Entwicklungen auf unserem Planeten und macht dafür echsenartige Wesen verantwortlich. Aber sie macht auch Mut («Provincetown»/«Stronger together»/«23 Peaks»). Tori Amos hat eine lange und einzigartige Karriere hinter sich. Auch auf Album Nr. 18 überzeugt sie mit hymnischen Piano-Popballaden, die gespickt sind mit erhabenen Streicherpassagen und groovigen Beats.
Podcast-Tipp
Andri Dürst
«Öppis isch immer»
«Infotainment» lautete das Schlagwort, mit dem insbesondere private TV-Stationen in den 90er- und 00er-Jahren die Sendungslandschaft in Deutschland und in der Schweiz revolutionieren wollten. Informationen (Info) sollten mit Unterhaltung (Entertainment) verknüpft werden – daraus entstand dann das neudeutsche Kofferwort. Von Infotainment spricht heute zwar kaum noch jemand, doch zelebriert wird es nach wie vor, etwa im Podcast «Öppis isch immer» mit Aron Herz, unter anderem bekannt geworden durch die «Comedymänner». Bei seinem neuen Format begrüsst er wöchentlich einen anderen prominenten Gast bei sich und unterhält sich mit diesem über… Ja, über was eigentlich? Eine Richtschnur geben einige ausgewählte aktuelle politische oder gesellschaftliche Themen. Doch der Host lässt seinen meinungsstarken Gesprächspartnerinnen und -partnern viel Platz für allerlei Geplauder. Das Format ist somit ein guter Mix zwischen Newstalk und Laberpodcast.