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Zum Anfang

Wenn Maria mit dem Kind aus der Sammlung des Rätischen Museums auf die Reise geht

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Wenn Maria mit dem Kind aus der Sammlung des Rätischen Museums auf die Reise geht

Wir schreiben das Jahr 1510. Es ist die Zeit der Spätgotik. In der Kapelle San Nicolao in Grono erstrahlt ein Flügelaltar. Hölzern, reich geschmückt mit geschnitzten und vergoldeten Figuren, Laubwerk und Malereien. Im Schrein in der Mitte steht Maria mit dem Kind, links von ihr St. Nikolaus und rechts St. Katharina. Der Altar wird der Werkstatt von Ivo Strigel, einem Meister der Holzplastik, aus Memmingen, Deutschland, zugeschrieben. 370 Jahre später, 1880, wird die Kapelle wegen fehlender Mittel zur Erhaltung abgebrochen. Gleichzeitig erwirbt das Rätische Museum in Chur den spätgotischen Flügelaltar für seine Sammlung. Die Reise von Maria mit dem Kind beginnt.

Es ist Dienstag, der letzte im März, am späten Vormittag in Haldenstein. Andrea Kauer Loens, Direktorin des Rätischen Museums in Chur, wartet vor dem Eingang zum Kulturgüterschutzraum. Hier lagert der nicht ausgestellte Teil des Museumsgutes auf einer Nutzfläche von 2 180 Quadratmetern. Bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Und zur Zeit ist hier auch noch ein ganz besonderer Gast zu Besuch: Die Madonna-Skulptur, Maria mit dem Kind, aus dem spätgotischen Flügelaltar. Doch dazu später. Zunächst gibt es einen kleinen Rundgang mit der Museumsdirektorin und ein bisschen Theorie. «Wir haben eine Sammlung von rund 100 000 Objekten», erklärt sie. «Nur rund zehn Prozent davon sind jeweils im Museum ausgestellt.» Der Rest lagert in Haldenstein. Und hier gibt es momentan viel zu tun. Für die 150-Jahr-Jubiläumsausstellung des Rätischen Museums werden 150 Objekte herausgesucht und bereitgestellt. Im Stil einer Wunderkammer sollen sie präsentiert werden. Eines für jedes Jahr seit der Eröffnung 1872. 

Dazu würde natürlich auch die Madonna-Skulptur gehören. Sie ist ja 1880 dazu gestossen. «Der Flügelaltar ist ein Highlight», bestätigt die Museumsdirektorin. «Leider hat er aus der Dauerausstellung Schäden davongetragen.» Die Skulptur ist aus Holz. Und das arbeitet. Dehnt sich aus. Zieht sich zusammen. Irgendwann lösen sich die Malschichten ab durch diese ständige Bewegung. So wird der Flügelaltar notfallmässig in den Kulturgüterschutzraum eingeliefert. Und in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste in Bern, Vertiefung Konservierung und Restaurierung von Gemälden und Skulpturen, beginnen die Untersuchungen. Die Abklärungen, bevor überhaupt an eine Restaurierung zu denken ist. Ein nicht alltäglicher Fall für das Rätische Museum. Was muss gemacht werden, wenn ein Altar aus dem 16. Jahrhundert dieses Schadensbild aufweist? «Dazu gibt es kein Lehrbuch», betont Andrea Kauer Loens und lacht. Es geht weiter. Ein bisschen so, wie durch den alten, vollgestellten Estrich der Grosseltern. Vorbei an Metallobjekten, Möbeln, Bildern, Fahrzeugen, Textilien, Plastiken, historischen Gemälden. Und der berühmt berüchtigten Truhensammlung. Allein hier gäbe es eine wundervolle Geschichte dazu. Tausend Anekdoten zu erzählen. Dazu ein andermal. Heute steht die Madonna-Skulptur im Mittelpunkt.

Und dann sehen wir sie. Maria mit dem Kind. Demütig. Kunstvoll. Atemberaubend schön. Und fast schon reisefertig. Die Berner Master-Studentin Tiziana Thenen ist gerade daran, die Madonna-Skulptur in eine eigens für sie hergestellte Holzkiste zu verpacken. Sorgfältig. Würdevoll. Und da liegt sie nun. Gut fixiert und mit Schaumstoff geschützt. Im Zuge ihrer Masterthesis untersucht die Studentin die Figur. Tiziana Thenen kontrolliert das Raumklima. 14,5 Grad Celsius und 41 Prozent Luftfeuchtigkeit. Sie ist zufrieden. Alles bestens. Genau richtig für eine Holzskulptur. Doch, warum reist Maria mit dem Kind nach Bern? Und was hat Tiziana Thenen dort mit ihr vor? «Ich befasse mich mit ihrem Inkarnat», erklärt die Studentin. «Das heisst, den nackten menschlichen Körperteilen, der hellen Haut von Gesicht und Händen.» Dazu dokumentiert sie alle Herstellungstechniken. Bemalung, Eigenheiten, Holz, Pigmente. Und es gibt Aufnahmen mit verschiedenen Belichtungsmethoden. Mit normalem Weisslicht, Infrarot und Ultraviolett. «Mit Infrarot sieht man, wenn beispielsweise etwas unter der Farbschicht mit einem Kohlenstift unterzeichnet worden ist», erklärt die Studentin. «Das ultraviolette Licht wiederum zeigt mittels Fluoreszenz auf, wo zum Beispiel Reste vom Original vorhanden sind, die mit blossem Auge unsichtbar sind. Beispielsweise das Rankenmotiv auf Marias Saum. Und man erkennt Nachträgliches, denn das zeigt keine Fluoreszenz und bleibt schwarz.»

In der Spätgotik war das Inkarnat sehr speziell. Weiss und glänzend. Wie ein Porzellanteller. Dazu kamen blutrote Lippen und Backen. «Unter der Museumsbeleuchtung sieht das manchmal fast ein bisschen kitschig aus», sagt die Bernerin und schmunzelt. «Aber unsere Sehgewohnheit ist natürlich heute eine andere als im 16. Jahrhundert. In einer dunklen Kirche, mit farbigen Fenstern und brennenden Kerzen auf dem Altar, wirkt das völlig anders.» So oder so. Dieses spätgotische Inkarnat sieht man leider bei Maria und dem Kind nicht mehr gut. Zu oft ist sie im Laufe der Jahrhunderte übermalt worden. Die genauen Umstände dazu weiss Tiziana Thenen nicht. Noch nicht. Nur so viel: Anfangs 20. Jahrhundert ist Maria ein neuer Teint verpasst worden. Und in den Sechzigerjahren wurde beschlossen, alles wieder abzukratzen. Von Hand. Mit dem Skalpell. Dadurch ist leider auch ein Teil des Inkarnats verloren gegangen. Solche Eingriffe sind heute nicht mehr üblich. Heute ist alles minimalistischer. Mehr noch. Es wird eine Rekonstruktion hergestellt. Das Objekt selber lässt man ruhen. Und genau so macht es Tiziana Thenen. Längst hat sie ein dreidimensionales Modell aus Holz gefertigt. Und darauf soll das Gesicht der Madonna nach und nach das Inkarnat aus jener Zeit bekommen. Der Spätgotik, um 1510. Dies natürlich erst nach intensiven Untersuchungen. Aufwendigem Röntgen. Und unter Mithilfe vieler Expertinnen und Experten. «Die Rekonstruktion bleibt hypothetisch», gibt Tiziana Thenen zu verstehen. Dennoch. «Die Museumsbesucherin und der Museumsbesucher sollen eine Idee davon bekommen, wie die Madonna damals ausgesehen hat. Wir sehen ja sonst heute nur gealterte Skulpturen.» Was für eine schöne Idee. Zurück zum Anfang. Die Reise von Maria mit dem Kind geht weiter. Und sie ist noch lange nicht zu Ende.