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Typisch

Warum stereotype Rollenbilder Sicherheit geben, aber auch einschränken

Typisch

Warum stereotype Rollenbilder Sicherheit geben, aber auch einschränken

Männer können nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Tatsache? Überspitzt gesagt? Ein schlechter Buchtitel oder doch etwa ganz falsch? Wir begegnen ihnen tagtäglich. Ob Mann oder Frau. Geschlechterklischees halten sich hartnäckig. Sie beeinflussen, wie wir unser Selbst und unser Gegenüber wahrnehmen. Und auch, wie wir wahrgenommen werden wollen. Es ist nicht abzustreiten. Es gibt sie, die typischen Rollenbilder, die wir von Männern und Frauen haben. Aber, sie sind nicht statisch, sondern dynamisch. Séverine Brändle ist Psychologin und arbeitet auf einer Akutstation in der Klinik Waldhaus. Sie erklärt, dass sich Rollenbilder aus psychologischer Sicht immer wieder verändern. «Jeder Mensch hat viele verschiedene Rollen inne. Diese werden von den Erwartungen definiert, die einzelne Personen, die Gesellschaft und Institutionen an die Inhaberin, den Inhaber der Rolle haben. Je nach Konstellation und eigener Entwicklung verändern sich die Rollen gemäss den Erwartungen, die diesbezüglich gestellt werden.»

«Rollen und Rollenbilder sind per se neutral. Wenn wir stereotype Rollenbilder haben, reden wir von Klischees und Vorurteilen. Diese vereinfachte Denkweise gibt uns Orientierung, Struktur und Sicherheit.»
Séverine Brändle
Psychologin Klinik Waldhof, PDGR

So weit, so gut. Und trotzdem scheint es, als ob sich geschlechtertypische Rollenbilder besonders hartnäckig halten. Zum Beispiel, dass Männer technikaffiner und Frauen empathischer sind. «Das stimmt», meint Séverine Brändle. «In geschlechterspezifischen Rollenbildern verhalten wir uns nach der Vorstellung einer Gesellschaft davon, was typisch männlich und was typisch weiblich ist. Das wiederum ist ein Wechselspiel zwischen vorgegeben, biologischen Unterschieden und der Kultur, in der wir leben.» Also sind Rollenbilder nicht nur anerzogen? «Nein», meint die Expertin. Und erzählt aus einer Vorlesung, die sie vor Jahren einst besuchte. «Wir hatten damals ein Seminar genau zu diesem Thema. Der Dozent hatte damals bei der Erziehung seiner Tochter viel Wert darauf gelegt, sie geschlechterneutral zu erziehen. Also nicht das typische Mädchen-rosa-und-Buben-blau-Schema. Sie spielte mit keinen typischen Mädchenspielsachen und auch mit keinen typischen Jungsspielsachen. Irgendwann bekam sie einen Bagger geschenkt, um im Sandkasten zu buddeln. Das Mädchen habe dem Fahrzeug ein Bettli gebaut und sich um den Bagger gekümmert, als wäre er ein ‘Bäbi’. Sie legte ihn ins Bett und deckte ihn zu.» 

Dieses Beispiel lege die Vermutung nahe, dass Rollenbilder zu einem Teil auch genetisch verankert sind. Aber: Sie werden eben auch stark von der Gesellschaft beeinflusst. Und sind grundsätzlich nicht nur negativ zu betrachten. «Rollen und Rollenbilder sind per se neutral. Wenn wir stereotype Rollenbilder haben, reden wir von Klischees und Vorurteilen. Diese vereinfachte Denkweise gibt uns Orientierung, Struktur und Sicherheit. Wir Menschen versuchen, das Verhalten unseres Gegenübers vorherzusagen. Vordergründig helfen uns also solche stereotypen Vorstellungen, komplexe soziale Interaktionen zu vereinfachen», erklärt Séverine Brändle. Besonders wenn sich eine Gruppe neu organisiere, hätten Rollenbilder eine wichtige Bedeutung, weil sie die Aufgabenteilung vorgeben. Wenn die Vorstellungen aber zu rigide werden, seien Rollenbilder schwierig. Besonders junge Menschen können durch sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung eingeschränkt werden. «Schwierig wird es immer dann, wenn man sich nicht frei entfalten kann und in Rollen hineingedrängt wird, die man eigentlich gar nicht haben will. Es braucht Mut, diese Rollenbilder zu hinterfragen. Aber es ist enorm wichtig», so die Psychologin.

Die Geschlechterrollen, ein Mann oder eine Frau zu sein, sind sehr wichtige Rollen. Wird jemand darin eingeschränkt, kann das zu einer Identitätskrise führen. Viele Männer würden sich laut Séverine Brändle zum Beispiel noch immer als Ernährer der Familie sehen. Sie würden dann besonders leiden, wenn sie wegen einer Erkrankung diese Rolle nicht mehr ausfüllen können. «Dazu kommen noch die Erwartungen der Gesellschaft.» Besonders oft müsse man die eigenen Rollen hinterfragen, wenn man sowieso vor Veränderungen stehe. «Beispielsweise wenn die eigenen Kinder ausziehen», führt Séverine Brändle aus. Veränderungsprozesse würden immer mit Unbekanntem in Zusammenhang stehen und könnten deshalb auch Angst machen.

«Speziell die Geschlechterrollen haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt. Ganz besonders in der Familie. Viele Frauen gehen zur Arbeit und viele Väter möchten mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Es ist wichtig, dass beides heute möglich ist. Aber es darf kein umgekehrter Erwartungsdruck entstehen. Es gibt Menschen, die sich in traditionellen Rollenbildern wohlfühlen. Und das ist genau so in Ordnung, wie wenn man diese hinterfragt», summiert die Expertin. Wichtig sei, dass man die gleichen Rechte und Möglichkeiten habe, egal welchem Geschlecht man angehöre. Und dass wir anerkennen, dass Männer und Frauen immer auch unterschiedlich sein werden. «Diese Unterschiede sind Stärken, die wir auch als solche wertschätzen sollten», meint Séverine Brändle. Auch schön also, wenn eine Frau besser einparken kann und zu Hause die Nägel einschlägt. Und ein Mann ein wunderbarer Zuhörer ist und den Kochlöffel schwingt. Oder?

Rollenbilder im Wandel

Ende 19. Jahrhundert bis 1920

Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann der Kampf gegen die Männerdomäne Universität. Erste Frauenbewegungen kämpften gegen das Patriarchat.

1930er- und 1940er-Jahre

In der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu einem Rückfall der Emanzipation. Für Adolf Hitler waren Frauen, die viele Kinder hatten und zu Hause blieben, die idealen Ehefrauen. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte die Situation. Da viele Männer im Krieg fielen oder verwundet wurden, mussten die Frauen das Geld verdienen, um zu überleben. Das blieb auch in den Nachkriegsjahren so.

 1950er- und 1960er-Jahre

Mit dem Wirtschaftsaufschwung nach den schwierigen Kriegsjahren änderte sich das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau erneut. Das Bild des Mannes als alleiniger Ernährer der Familie und der Frau als Mutter und Hausfrau erlebte ein Comeback. In den späten 60er- und den 70er-Jahren erlebte die Frauenbewegung einen gesellschaftlichen Aufschwung.

 1970er- und 1980er-Jahre

1971 bekommen Frauen in der Schweiz das Wahl- und Stimmrecht. Beruflich waren sie dennoch häufig als Gehilfinnen der Männer eingestellt, zum Beispiel als Sekretärinnen. In den 1980er-Jahren begann eine Zeit, in der auch Frauen ihre Fähigkeiten beruflich zu nutzen begannen. 

 1990er-Jahre bis heute

Heute sind Mann und Frau gleichgestellt – zumindest rechtlich. In den Rechten und Pflichten der Ehe ist zum Beispiel festgehalten, dass beide Ehegatten das gleiche Recht haben und dass die Stimme des Mannes genau gleich viel Gewicht wie die der Frau hat. Oder dass es in der Ehe keine geschlechterabhängigen Aufgaben gibt. Auch beim Familienunterhalt und der Kinderbetreuung soll es keine Unterschiede wegen des Geschlechts geben.