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Spürnasen

Wenn Hundeführerinnen und Hundeführer mit ihren vierbeinigen Partnern für den Ernstfall üben

Spürnasen

Wenn Hundeführerinnen und Hundeführer mit ihren vierbeinigen Partnern für den Ernstfall üben

«Heute Morgen um fünf Uhr erschüttert in Chur ein schweres Erdbeben den Raum Meiersboden. Das Beben wird auf der Richterskala mit 7,5 angegeben. Ein grosses Mehrfamilienhaus wird dabei komplett zerstört. Verschiedene Personen daraus werden vermisst. Die Zufahrtsstrassen sind zum Teil verschüttet. Die ausgerückten Blaulichtorganisationen, Polizei, Feuerwehr und Sanität, haben einen Teil der betroffenen Menschen bereits bergen und medizinisch versorgen können. Die restlichen Personen müssen noch geortet und gerettet werden». Ein Szenario, das zur Realität werden kann.

Es ist Donnerstagvormittag, der zweite im Juni, in Chur. Zula macht sich auf den Weg in den Wald. Die Nase im Wind. Fokussiert. Konzentriert. Sie bildet mit Ariana Trudel ein Geländesuchhunde-Team. Plötzlich bleibt die schwarze Hündin stehen. 

Sie hat jemanden gefunden. Und so nimmt sie ihr Bringsel, das sie um den Hals trägt, in den Fang auf und kehrt zu Ariana Trudel zurück. Anschliessend führt Zula ihre Hundeführerin an die Stelle, wo sie den Menschen gefunden hat. Etwas später begibt sich auch Dalia mit Hundeführer Jeremias Janki auf Vermisstensuche. Als sie fündig wird, demonstriert sie das mit lautem Bellen. Schliesslich stösst das Verschüttetensuchhunde-Team Mersia Avanzini mit Numa dazu. Das Team befindet sich noch in Ausbildung. Numa ist ein spezieller Hund. Ein Pastore Appennino. Der Vierbeiner sieht ein bisschen aus wie ein Wolf. Er verschwindet hinter den Trümmern. Weiter steht auch Verschüttetensuchhund Chanel im Einsatz. Die Hündin bildet mit Dominik Bisig ein Team, das ebenfalls noch in Ausbildung ist. 

Auf dem Gelände des Zivilschutz-Ausbildungszentrums Meiersboden geht es hektisch zu und her. Dennoch geordnet. Das eingangs erwähnte Szenario der öffentlichen Einsatzübung des Schweizerischen Vereins für Such- und Rettungshunde Redog, Regionalgruppe Graubünden, läuft auf Hochtouren. Ein Helikopter der Schweizer Armee fliegt die Hundeführerinnen und Hundeführer mit ihren Vierbeinern vom Rossboden direkt auf den Meiersboden. Ein Team nach dem anderen. Unter lautem Getöse wird vor dem Kommandoposten gelandet. Und wieder gestartet. Wenn der Helikopter davonfliegt, wird es ruhig. Aber nur kurz. Schon ist wieder lautes Bellen zu hören. Ein Winseln. Und Scharren. Die Sonne bricht durch die graue Wolkendecke. Es wird heller. Freundlicher. Der Grosseinsatz bleibt ernst. Düster. Obwohl es nur eine Übung ist. Sie kann schnell zum Ernstfall werden.

So oder so. Heute wird geübt. Und gefeiert. Wegen Corona ein bisschen verspätet. Redog kann nämlich auf sein 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Seit 1971 leistet der Verein Hilfe an notleidende und hilfesuchende Menschen im In- und Ausland. Grund genug für eine eindrückliche Demonstration. Und diese hat zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer in den Meiersboden gelockt. Sie können hautnah miterleben, wie die Hund-Mensch-Teams in einem Katastrophenfall mit dem Zivilschutz Graubünden zusammenarbeiten. Vermisste und Verschüttete müssen geortet und gerettet werden. Für die Ortung sind die Vierbeiner mit ihrer feinen Nase zuständig. Die Spürnasen. Das geht aber nicht ohne die entsprechenden Hundeführerinnen und Hundeführer. «Es ist eine Teamarbeit», bestätigt Walter Caprez, Präsident der Redog-Regionalgruppe Graubünden. 

Was als kleine Pionierorganisation startet, wird zur tragenden Such- und Rettungsorganisation. Und zur Erfolgsgeschichte. Alle rund 580 aktiven Mitglieder trainieren ehrenamtlich. Sie leisten dabei über 100 000 Freiwilligenstunden im Jahr. Bei der Regionalgruppe Graubünden stehen neun einsatzfähige Hund-Mensch-Teams sowie sechs Helferinnen und Helfer für die Suche und Rettung in Bereitschaft. Weiter zählt sie zwölf Menschen und Hunde in der Ausbildung zum Katastrophensuchhunde-Team. Und zwölf Menschen und Hunde in der Ausbildung zum Geländesuchhunde-Team. Der Weg zur Einsatzfähigkeit dauert in der Regel bis zu vier Jahre. Und sie verlangt Tier und Mensch viel ab. Unzählige Übungsstunden, Prüfungen und Weiterbildungen müssen absolviert werden. 

«Unsere Motivation für unser Engagement ist, dass wir Menschen in Not helfen können, indem wir sie mit unseren Hunden finden und orten», betont Walter Caprez. So oder so. Bei der Rettung von Verschütteten oder Vermissten zählt jede Minute. Dabei ist eines klar: Ohne Ortung gibt es keine Rettung. Das gilt aber auch umgekehrt. Denn, ohne Rettung nützt auch die Ortung nichts. Es ist ein Zusammenspiel. Eine Teamarbeit. Auch hier. 

Zurück auf den Schauplatz. Zula, Dalia, Numa und Chanel sind immer noch fleissig am Suchen und Orten. Auf dem Trümmerfeld. Und im Gelände. Dies unter den wachsamen Augen ihrer Führerinnen und Führer. Wenn jemand gefunden wird, ertönt lautes Bellen oder Winseln. Jetzt kommen die Zivilschützer zum Einsatz. Sie bergen und retten die Person. Und geben sie an die Sanität zur medizinischen Versorgung weiter. Es geht Hand in Hand. Auf dem Kommandoposten werden derweil laufend Aufzeichnungen gemacht und Lage-Rapporte erstellt. Einsatzleiter Jeremias Janki erklärt nochmals den Vorgang. «Es geht niemand auf die Trümmer, bevor der Schadenplatzberater den Platz freigibt», ruft er in die Runde. Gestartet wird die Suche jeweils mit Aug’ und Ohr. Vielleicht hört oder sieht man ja etwas oder jemanden. Menschen, die nur leicht verschüttet sind, zum Beispiel. Diese versorgt man zuerst. 

Den Hunden ist das egal. Sie sind dazu ausgebildet, zu suchen und zu finden. Sie gehen ihrer Nase nach. Der Spürnase. Sie müssen selbstständig sein. Und sich trotzdem führen lassen. Das allein ist eine grosse Herausforderung. Ein Spagat. Die Suche geht weiter. Lautes Bellen. Dex aus dem Geländesuchhunde-Team mit Marianne Baggenstos hat eine vermisste Person gefunden. Der Einsatz ist geglückt.

Informationen unter www.redog.ch