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Nährboden für Neues

Zu Besuch im ehemaligen Kurort Davos, wo sich noch heute Gegensätze begegnen

Nährboden für Neues

Zu Besuch im ehemaligen Kurort Davos, wo sich noch heute Gegensätze begegnen

Das farbenfrohe Bild, umgeben von kaltem Weiss, lenkt sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Blauer Himmel, bunte Berge und ein paar wenige Häuser. Eine Kirche. Ein typisches Bild von Maler Ernst Ludwig Kirchner, einem Mann, der sich in Davos zu Hause fühlte. In einem Ort, wo sich einst ganz Europa traf. 

Aber dazu später mehr. Vorher spazieren wir durch das heutige Davos, eine kleine Stadt inmitten grosser Berge. Die roten Wagen der RhB fallen auf im vielen Weiss. Es schneit. Menschen hetzen, manche schlendern. Die einen haben Ski geschultert, die anderen Snowboards unter die Arme geklemmt. Statt in Kinderwagen gestossen, werden die Kleinsten auf dem Schlitten gezogen. Einem Davoser – das versteht sich von selbst. Am Bahnhof Platz fährt ein gelbes Postauto ab und gibt den Blick auf ein Schild frei, das auf den Parkplatz für die Pferdekutsche hinweist. Moderne trifft auf ein Stück Nostalgie. Wir gehen weiter durch den Ort, der gesäumt ist von Läden, einige davon führen Luxus. Vorbei an Kunstgalerien, alten Kaffeehäusern und modernen Beizen. Und unzähligen Hotels. Wir sind in urbanem Gefilde unterwegs. Und doch ist die Natur nahe. Der Schnee knirscht unter den Füssen und von den hohen Tannen im Kurpark klatscht immer wieder etwas davon auf den Boden.

Vor dem Kirchner Museum treffen wir auf besagtes Bild mit dem blauen Himmel und den bunten Bergen. «Europa auf Kur» titelt es. Das wollen wir genauer wissen und betreten das Museum. Einen modernen, von Beton dominierten, Bau. Geschäftsführer Severin Bischof öffnet die Tür und macht eine einladende Handbewegung. Euphorisch berichtet er von der neuen Ausstellung im Museum, in der es um den ehemaligen Kurort geht. Darum, was Davos einst gross und noch heute besonders macht. «Ende des 19. Jahrhunderts gab es weit und breit nirgends eine so hohe Dichte an Röntgengeräten wie in Davos», sagt Severin Bischof. Was willkürlich wirkt, erzählt viel vom Ort. Innovation, Medizin und Wissenschaft stecken in diesem einen Satz. Er berichtet aber auch von einem Dorf mit vielen Gästen. Gästen, die hier geniessen und genesen. Es ist die Zeit der Davoser Sanatorien. «Wie alles begann, weiss man nicht sicher», sagt der Geschäftsführer. Er grinst. «Das ist wohl der Mythos Davos.» Auf jeden Fall kamen von 1880 bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschen nach Davos, um ihr Leiden, oft Tuberkulose, zu kurieren. Denn im damaligen Bergdorf schienen die Menschen gegen die heimtückische Lungenkrankheit immun zu sein. Es war Alexander Spengler, der 1853 als Landschaftsarzt nach Davos kam und propagierte, dass die Höhenluft heilend sei. Im folgten weitere Experten und schon bald kamen die ersten Kranken.

Im Davoser Blatt, welches teilweise im Kirchner Museum ausgestellt ist, finden sich Menschen aus Deutschland, Polen, Ungarn, Frankreich, den Niederlanden oder aus Griechenland. Ein reges Kommen und Gehen. Und manche aus der Fremde sind geblieben. So wie der Maler Ernst Ludwig Kirchner. Der deutsche Künstler prägte Davos mit seinen Bildern wie kaum ein anderer. 1917 kam er zur Kur. Auskuriert genoss er den Ort, der mit einem verschlafenen Bergdorf nicht mehr viel zu tun hatte. «Er idealisierte das Bauernleben und sah darin nur Schönes. Er nahm am Dorfleben teil und war gerne hier», meint Severin Bischof und zeigt auf ein weiteres buntes Bild. Daneben hängt ein düsteres Werk des Schweizer Künstlers Philipp Bauknecht. Das Bild zeigt einen Alpaufzug und die Menschen mit eingefallenen Gesichtern und traurigen Mienen. «Für Bauknecht war sein Aufenthalt in Davos ein ungewolltes Exil. Er sah die Härte des Lebens hier oben. Die langen und kalten Winter.» 

Gegensätzlicher könnte es nicht sein. Wie so vieles in Davos. Es sei ein symbolischer Ort, steht im Prospekt zur Ausstellung. Ein Kristallisationspunkt europäischer Kulturgeschichte, wo sich Hoffnungen und Sehnsüchte genau so verdichteten wie Ängste und Bedrohungen. Davos war ein Ort der Langeweile und der Lebensfreude. Der Verzweiflung und der Hoffnung. Der Krankheit und der Gesundheit. Des Kriegs und des Friedens. «Hier hat sich alles kumuliert, was Europa bewegt hat», meint Severin Bischof, als er weiter durch die Museumsräume führt. «In Davos ist alles zusammengekommen», sagt er. Neben dem Kurangebot mit unzähligen Sanatorien und Pensionen entwickelte sich auch der Wintersport äusserst rasant. Skifahren, Bobfahren und Schlitteln aber auch Eislaufen und Eishockey. Und auch in Sachen Architektur und Wissenschaft wurden im Ort neue Massstäbe gesetzt. Während und nach dem Ersten Weltkrieg kamen viele Soldaten nach Davos, um zu heilen. Friedensbewegungen wie der Spengler Cup oder die Davoser Hochschulkurse entstanden. Gleichzeitig galt Davos aber auch als Enklave des Nationalsozialismus in der Schweiz. Ein Ort, stets im Wandel. Komplex und vielschichtig. «Ich finde es unglaublich, wie viel Pionierleistung in Davos erbracht wurde. Die Röntgengeräte, die Erfindung der Liegekur, der weltweit erste Bügellift… Und auch der Ort an sich hat sich einfach immer wieder neu erfunden.» Das Bergdorf wurde zum Luftkurort und zum frühen Hotspot für den Wintersport. In den 1960er-Jahren mauserte sich Davos zum Kongresszentrum und heuer immer mehr zum Ort für Kultur. Daneben die Forschung, die bis heute einen grossen Stellenwert hat. 

Mit anderen Augen spazieren wir im Anschluss mit Annick Haldemann, Leiterin der Dokumentationsbibliothek, nochmals durch den Ort. Wir sehen alte Gebäude und neue Bauten. Erleben, was aus Europa und aus Zeiten des Luftkurortes geblieben ist. Das mondäne Davos. Die Gegensätze, die überall zu finden sind.

Mythos Davos in den Museen

Drei weitere Davoser Museen begleiten die Ausstellung «Europa auf Kur» im Kirchner Museum mit themenspezifischen Ausstellungen. Mit dem Museumspass können alle vier besucht werden.

  • Wintersportmuseum: Der Mythos von Davos spiegelt sich auch in der Entwicklung des Wintersports wieder. Mit den Winterkuren entwickelten sich auch sportliche Aktivitäten auf Eis und Schnee. Die Ausstellung beleuchtet den sportlichen Teil des Mythos Davos.
  • Heimatmuseum: Das Heimatmuseum zeigt eine Sonderausstellung mit dem Modell des Berghofs, den Porträts von Alexander Spengler und Willem Jan Holsboer, den Utensilien von Alexander Spengler und einigen zeitgenössischen Gegenständen.
  • Medizinhistorisches Museum: Mitte des vorletzten Jahrhunderts entdeckte Alexander Spengler die heilende Wirkung des Davoser Höhenklimas. Und Davos wurde ab 1865 bis in die 1950er-Jahre zum wichtigsten Lungenkurort Europas. Das Medizinmuseum Davos erzählt diese Geschichte mit medizinischen Geräten und Fotos aus der Sanatoriumszeit.

Die Ausstellungen finden noch bis am 30. Oktober 2022 in den vier Davoser Museen statt. Weitere Infos und Angebote unter
www.davos.ch/mythos.