Skip to content

Mikrofon an!

Bildungstag zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Grossratssaal

Mikrofon an!

Bildungstag zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen im Grossratssaal

Donnerstagmorgen, knapp vor neun Uhr. Pünktlich zum internationalen «Tag der Demokratie» sind Kaffee und Gipfeli bereit im Eingang des Grossratsgebäudes. Und viele Menschen, die gespannt warten. Politisch Aktive. Interessierte Menschen. Junge Leute, die sich politisch beteiligen. Und solche, die in ihrem beruflichen Feld oder freiwilligem Engagement mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Denn um die Partizipation von Kindern und Jugendlichen geht es am heutigen Bildungstag. Organisiert von Samuel Gilgen, Fachstellenleiter vom Dachverband Kinder- und Jugendförderung Graubünden «jugend.gr».

Jede und jeder sucht einen Platz im Saal. Jeweils vor einem Mikrofon. Mit der Möglichkeit, den Knopf zu drücken und sich mitzuteilen. «Wer sich am gesellschaftlichen Leben beteiligt, kann mitreden und sich zu Hause fühlen», startet Regierungspräsident Marcus Caduff sein Grusswort. Es soll für alle möglich sein, den eigenen Wohnort mitzugestalten, findet er. Die Zuhörerinnen und Zuhörer warten gespannt auf weitere Ausführungen. Trinken Wasser oder Kaffee, machen sich Notizen und freuen sich darauf, selber reden zu können. 

"Mitreden ist ein Kinderrecht"

Mona Meienberg

Und dann dürfen Handys gezückt werden, um den QR-Code auf der Leinwand abzuscannen. Fast wie in einem Konzertsaal leuchten die vielen Displays in die Höhe. Aber kein Schaukeln zur Musik, sondern Mitmachen ist angesagt. Und die Bühne gehört denen, die dazu motivieren wollen. So auch der Regierungspräsident. Was für den heutigen Tag besonders wichtig ist, richtet Marcus Caduff als Frage an das Publikum. Die drei Worte «Inspiration», «Vernetzung» und «Austausch» stehen im Zentrum. 

«Mitreden ist ein Kinderrecht», sagt Mona Meienberg von Unicef Schweiz und Liechtenstein und weist auf das Recht auf Partizipation nach Artikel zwölf der UN-Kinderrechtskonvention hin. «Es geht aber auch um das Verständnis von Partizipation, nicht nur um die rechtliche Grundlage», sagt sie. Ja, und was verstehen wir darunter? «Es geht um das Angehört werden.Wieso beispielsweise junge Menschen nicht mehr in die Gestaltung von Orten und Freizeitangeboten miteinbeziehen?», wirft Mona Meienberg in die Runde. Die Äusserung eines zwölfjährigen Kindes, die auf die Leinwand projiziert wird, macht das auf jeden Fall deutlich: «Es ist komisch, dass Erwachsene entscheiden, wie ein Spielplatz gebaut wird.»

Kindern und Jugendlichen soll also mehr Gehör verschafft werden. Aber Marcus Caduff und Mona Meienberg sind sich einig: «Ihnen nicht nur eine Stimme geben, Anliegen und Bedürfnisse einholen und sammeln, sondern dafür sorgen, dass damit etwas passiert.» Es geht heute nicht nur um das Mitspracherecht, sondern auch um Angebote, Massnahmen und Austauschmöglichkeiten. 

Mitreden sollte schon früh gelernt werden. «Wie soll man sonst im 18. Altersjahr auf einmal abstimmen, wenn man zuvor im täglichen Handeln und Entscheiden nicht zu Worte kam?», fragt Mona Meienberg. Es lohne sich, junge Menschen schon früh in Entscheidungen zu involvieren. Schon in der Spielgruppe und der Kindertagesstätte könne man Kinder einbinden und mitbeteiligten lassen. Und auch Kindergarten und Schulen seien wichtige Lernorte dafür. 

Das Mikrofon im Publikum geht an den Schulsozialarbeiter einer sozialpädagogischen Fachstelle. Andreas Hirzel fragt, ob wohl für Lehrpersonen zu wenig Möglichkeiten vorhanden seien, um den Kindern ausreichend Partizipation anbieten zu können. «Tatsächlich sind diese Herausforderungen beobachtbar», so die Antwort von Mona Meienberg. Aber auch die Schulleitungen und Gemeinden sollten für weitere Angebote sensibilisiert werden. 

Pause. Mikrofone aus. Zeit für die Herbstsonnenstrahlen vor dem Grossratsgebäude. Zeit für persönliche Gespräche in Gruppen. Mittendrin Noah, ein 14-jähriger Jugendlicher der Jugendkommission Safiental. Er sei aufgrund der Schule zur Politik gekommen und schätze den Austausch und die Gespräche. Netzwerken. Darum geht es auch nach der Pause. Mikrofon an. Diesmal wird eine Stimme aus dem Jugendrat des Bistums Chur angehört. Es gehe in ihrem Jugendrat nicht nur um das gemeinsame Beraten und Entscheiden, sondern auch um Kontakte knüpfen und Austauschen. Auch Barbara Wülser vom «Mädchen*Parlament» kommt zu Wort und erzählt. 70 junge Frauen zwischen 13 und 16 Jahren haben Themen für Petitionen erarbeitet, welche vom Grossen Rat und der Regierung vertieft beraten worden seien. Drei der jungen Frauen stehen ebenfalls am Mikrofon und geben ihre Eindrücke darüber preis. «Wir wissen nun genau Bescheid über den Ablauf einer Petition», oder «Ich kann mir gut vorstellen, auch künftig politisch aktiv zu sein», sagen sie. Und die Freude darüber, dass ihren Anliegen Gehör geschenkt und ihnen gleichzeitig Wissen vermittelt wurde, ist offensichtlich. Das Podiumsmikrofon will nicht mehr recht funktionieren. Trotzdem sind die Stimmen im Saal zu hören. Wie die von Niculin Detreköy. Er ist vom Dachverband der Schweizer Jugendparlamente (DSJ), der im Auftrag des Kantons rund 1000 Jugendlichen aus Bündner Schulen auf spielerische Art ein besseres Verständnis zum neuen Wahlsystem ermöglichte. «Jugendliche brauchen nicht nur Rechte, um mitzuwirken. Sie brauchen auch Bildung», sagt er. Politik und das ganze Wahlsystem seien nicht immer einfach zu verstehen. Majorz? Proporz? Was ist das? Und wieso sollen wir wählen? Diesen und anderen Fragen stellten sie sich, um den Jungen Wissen zu vermitteln und sie zu ermutigen, sich selbst einzubringen. Jede Stimme zählt.

«Mitgstalta!» So ein weiteres Motto. Die Batterien des Mikrofons sind ersetzt und die Stimmen klingen wieder laut und deutlich durch den Saal. Souverän werden auch von der Jugendsession Graubünden Zweck und Wert kantonaler und regionaler Sessionen geschildert. Alle wollen die Bildung und Motivation für die politische Teilnahme von Jugendlichen fördern. Auch die etablierte Jugendkommission der Gemeinde Safiental ermöglicht grösstmögliche Partizipation von Jugendlichen im Gemeindewesen. Sogar mit Vertretern der Oberstufe, so wie mit dem 14-jährigen Noah. Er und weitere Schülerinnen und Schüler lernten bereits unterschiedliche Sitzungsformen kennen, mit den dazugehörigen Traktandenlisten und dem Genehmigen von Protokollen, um den Sinn dahinter zu verstehen. Der erste Schritt in die politische Einbindung. 

Die jungen Menschen sollen direkt Einfluss nehmen in Themen wie «Neue Sportturnhalle» oder Mobilitätsprobleme in abgelegenen Dörfern. Oder wenn es um Arbeitsplätze für frisch ausgebildete Jugendliche geht, damit sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können und gute Möglichkeiten dafür bestehen. Darum dreht es sich auch bei den Worten der «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete» (SAB), die sich mit ihrem Label «Jugendfreundliche Bergdörfer» für eine gute Zukunft der Jugend einsetzt und Perspektiven für sie schaffen möchte.

Erneut wird ein Mikrofon im Publikum aktiviert. «Ab wann ist ein Bergdorf eigentlich ein Bergdorf?», wird gefragt. «Das wird anhand der Zoneneinteilung des Bundes bestimmt», die Antwort. So einfach geht es: Fragen, Mitteilen, Zuhören und Antworten. 

Miteinander reden ist unabhängig vom Alter des Gesprächspartners. Aber es braucht Offenheit, Geduld und Flexibilität. Es ist kurz vor zwölf Uhr. Zeit für das Mittagessen. Die Mikrofone sind aus. Aber in Grüppchen wird weitergeredet. Der Morgen bot genügend Stoff für Diskussionen. «Partizipation ist mehr als nur ein trockenes Wort», sagte Regierungspräsident Marcus Caduff zu Beginn. «Partizipation ist eine Haltungssache», sagte Mona Meienberg von Unicef. Viele weitere Worte hallen nach, während der Saal sich leert.