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Grenzerfahren

Sabine Trapp fährt Rallye – und mag auch sonst fahrbaren Untersatz

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Sabine Trapp fährt Rallye – und mag auch sonst fahrbaren Untersatz
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Es war vor ein paar Monaten, im Sommer oder Herbst, als ich am Strassenrand stand und ein ziemlich grosses und sehr auffälliges Auto an mir vorbeifuhr. Ein Land Rover Defender, orange, mit einem Schnorchel an der Seite. Ein richtiger Offroader. Erstaunt war ich nicht nur über das Auto, sondern auch über die Person, die hinter dem Steuer sass. Eine Frau mittleren Alters mit kurzen, grauen Haaren, die freundlich winkte. Warum fährt diese Frau dieses Auto?

Einige Monate später, an einem Donnerstag Ende April, besuche ich Sabine Trapp in ihrer Wohnung in Tomils. Die Frau mit dem orangen Defender. Sie komme gerade von ihrer Schicht als Postautochauffeuse, sagt sie mit einem Lächeln und bittet herein. An der Wand im Gang hängen Bilder von Rallye-Autos. «Die Wall of Fame», meint Sabine Trapp und schmunzelt.

«Ja, ein bisschen fahren muss es», sagt sie wenig später am Küchentisch sitzend. Der Blick schweift durch die Wohnung. Die Einrichtung ist geprägt von verschiedenen Ländern und Kulturen. Genau wie Sabine Trapps Leben. 

Sie erzählt bildlich und lebendig. «Manche finden, ich sollte ein Buch schreiben», sagt sie schulterzuckend. Das gäbe ein richtiger Schinken. Sie lacht. Sabine Trapp ist aufgeschlossen, herzlich, kommunikativ. Sie hat ihr Leben in die Hand genommen. «Ich konnte bis jetzt all meine Träume erfüllen», sagt sie. Dafür bezahle man aber auch einen Preis. Einen grossen Freundeskreis aufbauen oder eine eigene Familie gründen, liege nicht drin. Zumindest nicht, wenn man die gleichen Träume wie Sabine Trapp verfolgt.

Aufgewachsen ist sie in Thusis und Scharans. Schon mit 21 Jahren zog es die gelernte Schreinerin ins Baselbiet. Sie restaurierte für fünf Jahre Möbel, danach folgte eine Ausbildung zur Tierarztgehilfin. Auch auf diesem Beruf arbeitete Sabine Trapp für einige Jahre. Doch es zog sie weiter. «Ich war immer unterwegs, meinte, es müsse noch mehr geben. Treten an Ort und Stelle ist nicht meine Art.» Heute sei sie jedoch angekommen, ergänzt sie. Hier im Domleschg, wo alles begann.

Sabine Trapps Weg führte weiter. Zehn Jahre fuhr sie Lastwagen. «Ein Knochenjob. Ich ziehe vor jeder Frau den Hut, die das macht, warne sie aber auch: Du machst dich kaputt.» Der Liebe wegen reiste Sabine Trapp danach nach Deutschland und blieb für zehn Jahre. Zuletzt arbeitete sie bei der Pannenhilfe des ADAC. Harte Arbeit für wenig Geld, wie sie sagt. «Ich musste mich entscheiden. Bleiben oder weiter». Die Antwort ist klar: weiter. Oder besser gesagt: zurück. Zurück in die Heimat. Auch hier fährt sie zuerst Lastwagen. Sieben Mal am Tag Chur–Arosa. Sabine Trapp erzählt oft mit einem Schmunzeln. Erinnert sich mit einem Schmunzeln, auch wenn es nicht immer einfach war. «Irgendwann meinte meine Mutter: Werde doch Postautofahrerin. Die sind immer so freundlich und haben schöne Uniformen.» Tatsächlich war in Thusis eine Stelle frei.

Wer Sabine Trapp zuhört, stellt eines fest: Ein fahrbarer Untersatz gehört dazu. Nicht nur im Job, auch in der Freizeit. Sie reist viel. Hat schon in Spanien Reittouren geführt und lebte einen Winter alleine mit Schlittenhunden in Alaska. Oft ist sie mit ihrem Defender unterwegs. Ein Einfrauhaushalt, wie sie sagt. Mit einem Bett, Wasser und einer Kochmöglichkeit. «Wohnen auf engem Raum ist ab und an nicht schlecht. Dann merkt man, wie wenig man eigentlich braucht», ist sie überzeugt. Sabine Trapp ist gerne im Gelände und auch in der Wüste unterwegs.

Und hier schliesst sich nun der Kreis zu den anfangs erwähnten Bildern. Die Frau mit dem Defender fährt Rallye. Erst vor Kurzem gewann sie als Co-Pilotin zusammen mit Daniel Vetter die Fenix Rally in Tunesien mit einem Toyota Landcruiser. Strapaziös ist wohl das passende Wort zu den Geschichten, die Sabine Trapp erzählt. Sieben Tage durch die Wüste, 2800 Kilometer, etwa sechs Stunden am Tag fahrend im Auto. Rallyefahrend, wohlverstanden. Sabine Trapp navigiert. Zu ihrer Ausrüstung gehört neben einem Helm und Nackenschutz ein Roadbook mit genauen Streckenangaben, der Trip-Master, der die Meter zählt und das GPS. «Das Roadbook ist unsere Bibel», sagt sie. Lediglich mit Zeichen, Meterangaben und unverständlichen Worten versehen, ist es für Laien unleserlich. Zwei, drei Rallyes habe es gebraucht, bis sie das Buch richtig lesen konnte, erzählt Sabine Trapp. Und etwa fünf Jahre, bis sie für sich die perfekte Strategie gefunden hat, das Buch vorzubereiten. Denn das muss ein Navigator, eine Navigatorin vor jedem Rennen tun. «Ich gebe zu: Ich habe eine Rechts-Links-Schwäche. Ich muss mir also in Worten aufschreiben, wann rechts und wann links abgebogen werden muss.» Sabine Trapp liest das Roadbook während des Fahrens, gibt möglichst viele Distanzangaben an den Fahrer weiter – darunter auch Informationen zum Terrain – und navigiert so durch Gegenden ohne Strassen oder Verkehrsschilder. «Mit den Beinen in den Sitz geklemmt, denn es rumpelt manchmal schon heftig», sagt sie.

Sabine Trapp ist seit 20 Jahren in der Rallye-Szene zu Hause. Angefangen mit Truck Trials, dem Geschicklichkeitsfahren mit Lastwagen. Irgendwann wurde sie angefragt, ob sie als Navigatorin an der Breslau-Rallye in Polen teilnehmen wolle. «Klar, warum nicht, sagte ich damals. Ohne zu wissen, was auf mich zukommt.» Sie lacht. Seither ist sie schon zig Rallyes mit zig verschiedenen Fahrern und Fahrzeugen gefahren. Am liebsten fahre sie in der Kategorie «Extreme». Fahren auf schwierigem Gelände, durch Sumpf und Matsch, steil hinauf und runter. «Das ist toll, weil man als Co-Pilotin nicht nur im Auto sitzt. Man muss das Auto auch mal mit der Seilwinde aus dem Sumpf ziehen oder es kann auch mal vorkommen, dass es unter Wasser taucht.» Sabine Trapp erzählt, als ob das Alltag wäre. Angst habe sie nie. Aber mit dem Leben spielen würde sie auch nicht, betont sie. Doch der Nervenkitzel reizt sie. Das Abenteuer. Und man lerne viel über sich selber. «Man lernt, sich aus schwierigen Situationen zu retten und an der geistigen und körperlichen Grenze zu funktionieren.»

Ans Aufhören denkt Sabine Trapp nicht. Ein Traum hat sie noch: Mit ihrem orangen Defender bis nach Südafrika zu reisen. «Wenn ich nach der Pensionierung kann, würde ich das gerne machen.» Es wäre wohl kaum Sabine Trapp, wenn sie sich diesen Traum nicht erfüllen würde.