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Eisig

Eintauchen ins kalte Nass – die Eisbadi Arosa macht es möglich

Eisig

Eintauchen ins kalte Nass – die Eisbadi Arosa macht es möglich

Mein Blick ist auf die mit schwerem Schnee bedeckten Tannen gerichtet. Vor mir der See, zugefroren, verschneit. Unter mir und um mich herum das Wasser, eisig, kalt. Ich höre die Stimme von David Knittel. «Atmen. Gehts?» Ich beginne zu lächeln. Merke, ja, es geht.

Es ist Dienstag, der zweite im Januar. In Arosa scheint die Sonne, der Himmel ist stahlblau. Ein Winterwunderland wie aus dem Bilderbuch. Während am Bahnhof die Gäste und Tagestouristinnen umher wuseln, ist es am Untersee ruhig. Die Fensterläden des hölzernen Badehäuschens der (Sommer-)Badi sind geschlossen, der See mit Schnee und Eis bedeckt. Ausser an einer Stelle. Hier am Ufer wurde ein Kreis vom Eis befreit. Hier badet man.

Die Eisbadi Arosa wurde erst vor Kurzem, Ende Dezember 2021, vom Verein Eisbadi Arosa eröffnet. Zum Angebot gehören neben dem Eisbaden auch eine Sauna und ein Ruheraum. Seit zwei Wintern badeten sie, ein paar Verrückte, hier im Untersee, sagt David Knittel und lacht. Auf eigene Faust. Im Frühling letzten Jahres wurde die Idee, eine Eisbadi zu eröffnen, konkret. David verfasste ein Konzept und gründete zusammen mit ein paar Freunden einen Verein. Über ein Crowdfunding und Sponsoring konnte das Projekt mit Sauna und Ruheraum verwirklicht werden und am 27. Dezember wurde Eröffnung gefeiert. «Jetzt haben wir einen Ort, an dem auch Unerfahrene baden können», so David. Sie werden nach Wunsch begleitet und gecoacht. «Geh einfach nicht alleine», betont er. «Wenn man unerfahren und unbetreut ist, geht man wahrscheinlich hektisch für zehn Sekunden rein und wieder raus. Das kann man machen, doch wenn man gecoacht wird, schafft man ohne Hektik eine Minute. Das ist das Ziel bei dir!», meint er weiter.

Im Ruheraum ist es angenehm warm. Das Fenster gibt den Blick auf den See und das Dorf frei. Ich schliesse meine Augen, eine Hand lege ich auf die Brust, die andere auf den Bauch. Wir halten die Luft an. Solange, bis wir nicht mehr können. Wir atmen. Tief zuerst in den Bauch, dann in die Brust und in den Kopf. Ausatmen, einatmen. Ein kontinuierlicher Wechsel. Es kribbelt in den Fingern. Dann wieder Luftanhalten. Dieses Mal können wir es länger. Wieder atmen, wieder Luftanhalten. Die Atemübungen sollen auf das kalte Wasser vorbereiten. Sollen helfen, den Fokus auf das Bevorstehende zu legen.

Für den Körper ist das Eisbaden – bis zu einem gewissen Punkt – kein Problem, ja gar eine Bereicherung. Auch für die Psyche ist es das, doch sie spielt manchen unerfahrenen Eisbadenden einen Streich. «Es ist etwas Extremes für unseren Kopf, gar nicht so sehr für unseren Körper. Dein Instinkt sagt dir: ‘Raus aus dem Wasser.’ Das Schlimme ist, wenn du im Wasser in Panik gerätst, weil du denkst, dir geht es ans Lebendige. Dann kannst du dich nicht fokussieren. Wenn du es schaffst, dem Instinkt nicht nachzugeben, dann merkst du nach 20 bis 30 Sekunden, dass es besser wird. Der Körper weiss, es ist okay, er kann das», erklärt David. Dann wird das Eisbaden zum positiven Erlebnis. Für Körper und Geist. Während des Badens werden Schmerz- und Entzündungshemmer, Glückshormone, Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, der Kreislauf arbeitet auf Hochtouren, der Blutdruck wird gesenkt. «Nach dem Baden hast du ein Hoch. Du weisst, du kannst etwas Aussergewöhnliches schaffen», sagt David.

David und ich ziehen uns um. Mit Winterstiefeln an den Füssen aber lediglich Badehose und Bikini am Körper gehen wir das kurze Stück zum Wasser. Für David wird es heute das zweite Bad sein. Jeden Morgen würden sie sich hier zu zweit, manchmal zu viert, treffen, erzählt er später. Etwas, worauf er sich jeden Tag freut.

Die Schuhe stehen am Ufer. Zwei Tritte, dann stehen wir im Wasser. Die Atmung ist tief, die Hände vor der Brust verschränkt. Schritt um Schritt gehen wir tiefer ins Wasser. Es reicht nun bis zu den Hüften. Tief einatmen, ausatmen und bis zu den Schultern eintauchen. Ein kurzer Schock, weiteratmen. David coacht. Es kribbelt. Schmerzen spüre ich keine. Die Atmung hilft. Sie kann ich kontrollieren, allem
anderen bin ich ausgesetzt. Ich schaue hinab, sehe den sandigen Grund und die losen Eisplatten, die um mich schwimmen. Ich bin hier, ganz bei mir. Und da ist es, das Hoch.

www.eisbadi.ch