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«Die Ukraine wird das schaffen»

Ein Besuch bei der Ukraine Hilfe Graubünden in Chur, wo Spenden immer noch dringend benötigt werden

«Die Ukraine wird das schaffen»

Ein Besuch bei der Ukraine Hilfe Graubünden in Chur, wo Spenden immer noch dringend benötigt werden

Das Wetter ist unwirklich an diesem Dienstagmorgen. Es windet. Der Föhn. Die Sicht ist getrübt von gelbem Saharastaub. Irgendwie passt die unruhige Stimmung. Zum Heute, zum Weltgeschehen, zum Krieg in der Ukraine. Ein Krieg, der zumindest in der Schweiz nicht fassbar und doch allgegenwärtig, der unwirklich, aber doch wahr ist. Brutale Realität, die rat- und hilflos werden lässt. 

Gegen all das kämpfen derzeit Millionen von Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Menschen an der Front, die zur Waffe greifen (müssen). Menschen, die demonstrieren. Menschen, die spenden. Menschen, die Hilfsgüter organisieren, koordinieren, verpacken und transportieren. Zu ihnen zählen auch die Helferinnen und Helfer des Vereins Ukraine Hilfe Graubünden. Über 140 sind es, von Schülerinnen bis Pensionären, die seit drei Wochen im Einsatz stehen.

An diesem Dienstagmorgen sind einige von ihnen, hauptsächlich Rentnerinnen und Rentner, im Stockercenter an der Masanserstrasse in Chur damit beschäftigt, Gespendetes zu sortieren, in Kisten zu verpacken und korrekt zu beschriften. «Wir tun, was wir können», sagt Vorstandsmitglied Maria Wolf. Sie stammt ursprünglich auch Kasachstan, ihr Mann aus der Ukraine. Seit über drei Wochen ist sie wie viele andere unermüdlich im Einsatz. «Ich kann nicht zu Hause sitzen, wenn es mich hier braucht», sagt sie. Sie organisiert, koordiniert, hat den Überblick – und hält aus. Diese Situation, die eigentlich unerträglich ist und die Maria tief berührt. Sie scheint das Schicksal von Millionen von Menschen auf ihren Schultern zu tragen. Täglich verfolgt die engagierte Frau die ukrainischen Nachrichten, hört die Reden von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Sie erzählt vom grausamen Geschehen. Weinen könne sie seit Tagen nicht mehr, sagt sie mit starrem Blick. Irgendwann breche wohl alles über ihr zusammen. Jetzt aber funktioniert sie. «Es gibt Hoffnung», betont Maria Wolf. «Die Ukraine wird das schaffen.» Sie zückt ihr Handy und zeigt ein Foto mit Dutzenden von Kartonschachteln. Hilfsgüter aus Graubünden, die erst vor Kurzem Kiew erreicht haben. Immerhin.

Der Verein Ukraine Hilfe Graubünden wurde innert kürzester Zeit ins Leben gerufen und sammelt seit knapp vier Wochen Sach- und Geldspenden an sieben Sammelstellen in Chur, Samedan, Davos, Scuol, Thusis, Ilanz, und Fideris. Am nächsten Tag werde ein Lkw mit medizinischen Hilfsgütern Chur verlassen, erzählt Maria Wolf an jenem Dienstag. In zwei Tagen dann ein Transport mit Kleidern. Die Kisten stehen auf Paletten bereit, gut befestigt und gross angeschrieben. Dafür sorgt Logistikchef Walter Odermatt, auch er freiwillig. 

In der Halle an der Masanserstrasse findet sich aber auch noch Unverpacktes. Eine grosse Holzkiste mit Krücken im hinteren Teil der Halle, im vorderen Teil reihen sich Kisten mit Socken, Kleidern und Medikamenten aneinander, die noch sortiert und verpackt werden müssen. Dringend benötigt wird derzeit Kindernahrung in Pulverform. Nicht benötigt werden Sommerkleider, Badehosen und Bikinis. Eine aktualisierte Liste findet sich online unter ukrainehilfe-gr.ch. Auch Geldspenden sind willkommen. Maria Wolf denkt zudem bereits einen Schritt weiter. An jene Menschen, die fliehen und bereits oder bald in der Schweiz ankommen. «Sie müssen irgendwo leben.» Wer Wohnraum anbieten möchte, kann dies zum Beispiel auf campax.org oder fluechtlingshilfe.ch tun. Flüchtende aus der Ukraine erhalten die Aufenthaltsbewilligung S (für Schutzbedürftige). Sie berechtigt zum vorläufigen Aufenthalt in der Schweiz und zum Arbeiten. Arbeitgebende, die freie Stellen haben, können sich bei der UkraineHilfe Graubünden melden. 

Zurück im Stockercenter. Es ist ruhig, derzeit treffen keine neuen Spenden ein. Der Spendenfluss habe abgenommen, meint Maria Wolf. Vieles werde aber immer noch und auch weiterhin dringend benötigt. Der Krieg tobt weiter. Ein Krieg, der alle etwas angeht. Auch die Schweiz, auch Graubünden.

Nützliche Links

Kanton Graubünden: Informationen zur aktuellen Lage in der Ukraine, Einreise, Hilfe für ukrainische Geflüchtete, Anlaufstellen etc.

Verein Ukraine Hilfe Graubünden: Informationen zu Geld- und Sachspenden, regelmässig aktualisierte Listen zu benötigten Spenden.

Schweizerische Flüchtlingshilfe: Diverse Informationen, auch für Geflüchtete.

Campax: Formulare und Informationen zum Anbieten von Wohnraum.