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Auf Gras

Zu Besuch bei Grasskifahrer Erwin Gansner in Fanas

Auf Gras

Zu Besuch bei Grasskifahrer Erwin Gansner in Fanas

«Bereit?», ruft Erwin Gansner. Er steht neben seinem Haus vor einem kleinen Abhang. Und er trägt ein enges Skidress. Eines, wie die Profis es vor Jahren getragen haben. Skischuhe, Helm und Brille. Skifahren im Sommer? Das geht. Wohl nicht auf Schnee. Aber auf Gras. Erwin Gansner geht in die Hocke. Und dann fährt er langsam den Hang hinunter. Auf raupenartigen Grasskiern. Locker. Elegant. Gekonnt. Skifahren im Sommer. Auf Gras. Eigentlich tut Erwin Gansner das seit drei Jahren nicht mehr. Für die «Bündner Woche» macht er eine Ausnahme. Er winkt, lacht und dreht gleich nochmals ein paar Kurven.

Zwei Stunden vorher. Die schmale Strasse schlängelt sich durch das vordere Prättigau hoch nach Fanas. Der Blick von oben ist hübsch und weit. Vorbei an Kirchturm und Klus, jenem schluchtartigen Eingang zum Tal, reicht die Sicht bis nach Landquart. Fanas zählt rund 400 Einwohnerinnen und Einwohner. Seit der Fusion mit Grüsch vor zehn Jahren vielleicht ein bisschen mehr. Einer davon ist Erwin Gansner. Die Leute im Dorf kennen den 67-Jährigen. Klar. Der Fanaser ist ja auch siebenfacher Grasski-Weltmeister. Und damit eine Legende in einer ewigen Randsportart. Doch warum in aller Welt fährt jemand Ski auf Gras? 

Es ist Dienstagmorgen, der zweite im Juli. Erwin Gansner sitzt in seinem Wintergarten und erzählt. «In jungen Jahren wollte ich Skirennfahrer werden», verrät er. Seine blauen Augen funkeln, wenn er daran denkt. Er ist ein guter Abfahrer. Das genügt damals aber nicht. «Nur mit einer Disziplin bin ich nicht weitergekommen», so der Skifahrer. Also möchte er sich im Slalom verbessern. Über einen Kollegen kommt er zum Grasskifahren. «Dann kannst du im Sommer Slalom trainieren – und dich verbessern», sagt dieser. Gesagt, getan. Im 1973 beginnt Erwin Gansner mit dem Grasskifahren. Und bleibt dabei. Seine alpinen Ziele hängt er derweil an den Nagel. 

Im 1974 gewinnt der Bündner die ersten internationalen Rennen auf Gras. Das Ganze nimmt seinen Lauf. In den Achtzigern wird er siebenfacher Grasski-Weltmeister. Für seinen Sport kann er im Sommer jeweils drei Monate Ferien beziehen. «Wir waren auf der ganzen Welt», schwärmt der Sportler. «In Europa, Amerika und Asien.» Die Randsportart boomt. Allein in Graubünden gibt es fünf Grasskiclubs. «Wir sind in Davos, Savognin, Untervaz und Andiast gefahren», so Erwin Gansner. «Heute wird der Sport schweizweit nur noch im Appenzell und im Entlebuch betrieben.» Die Konkurrenz des Schnees ist dann doch zu hoch. Von über 2000 lizenzierten Fahrerinnen und Fahrern bleiben heute noch 40 übrig. Übrigens sind damals auch die bekannten Skirennfahrer Daniel Mahrer, Franco Cavegn und Walter Vesti begnadete Grasskifahrer. Erwin Gansner erinnert sich. An lustige Geschichten. Er erzählt. Er lacht. Und seine blauen Augen funkeln. Die Leidenschaft spricht aus ihnen.

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Ausrüstung und Technik sind beim Grasskifahren übrigens in etwa gleich wie beim alpinen Skifahren. Skischuhe, Renndress, Helm, Handschuhe, Stöcke. Nur die Skier sind ganz anders. Wie kleine Raupenfahrzeuge. Rutschen geht damit nicht. Aber Carven. 

Und: «Bremsen ist schwierig», verrät der Fanaser. «Da muss man ein bisschen gegen den Berg fahren.» Und die Verletzungen? «Bei Stürzen verletzt man sich auf dem Schnee schwerer als auf Gras», so Erwin Gansner. «Schnee ist mittlerweile hart wie Beton. Und die Sportlerinnen und Sportler gehen voll ans Limit.» Und so gibt es beim Grasskifahren deutlich weniger Knieverletzungen. Dafür umso mehr Daumenverletzungen. Oder Schürfungen. Erwin Gansner winkt ab. «Das ist heute alles Geschichte», sagt er. «Die Skirennfahrer innen und -Fahrer von heute gehen im Sommer auf den Gletscher.» Obschon. «Wenn die Gletscher weiter schmelzen, werden vielleicht plötzlich die Grashänge wieder aktuell», mutmasst er. Das wäre dann natürlich kein schönes Motiv. Trotzdem. Wer weiss. 

Wie auch immer. Erwin Gansner ohne Sport gibt es nicht. Auch heute nicht. Und so sei er auch «albig» in den Bergen unterwegs, erzählt er. «Mit dem E-Bike, dem Töff oder zu Fuss.» Der gelernte Werkzeugmacher und Skilehrer leitet bis zu seiner Pensionierung 20 Jahre lang das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in Davos. «Das war damals eine 180-Grad-Kehrtwendung», so der Prättigauer. «Vom Skitrainer ins Büro.» So oder so. Er ist und bleibt ein Einheimischer. Erwin Gansner. In Fanas geboren, aufgewachsen und «noch nie ausserhalb der Klus gewesen», wie er gerne scherzt. In urchigem Prättigauerdialekt. Er lacht herzlich. Und seine blauen Augen funkeln. Er ist zufrieden. Geht das Ganze heute gemütlich an. Kurvt nicht mehr mit 80 Stundenkilometern die Grashänge hinunter. 

Im Gegenteil. Im Herbst steigt er in seinen VW Kalifornia. Und fährt für zwei Wochen nach Italien oder Kroatien ans Meer. Der Bergler mag das Wasser. In der Badi Pany allerdings bevorzugt er Kaffee und hausgemachte Wähe. Und er mag die «Büwo». Liest das Blatt gerne, wie er versichert. Als Beweis holt er gleich einige Ausgaben. Er legt sie auf den Tisch. Blättert ein bisschen. Wie schön. Schon bald kann Erwin Gansner seine eigene Geschichte darin lesen.